Vorstoß in die Chefetage – als Seiteneinsteigerin und ohne Quote!
Sigrid, fünfte Tochter von Joachim von Stülpnagel (XIV/232, 1880-1968) und Irmgard, geb. v. Kracht (1883-1974), heiratete am 30. Januar 1944 auf dem pommerschen Gut Rauden Maximilian v. Knobelsdorff-Brenkenhoff (1913-1944). Schon kurz nach der Hochzeit, am 15. Juli 1944, fiel ihr Mann in Russland. Sie verließ Rauden mit dem Treck erst, als die Rote Armee einrückte.
Bis 1947 fand Sigrid in Kiel in einem englischen Club eine Anstellung, absolvierte danach eine Ausbildung zur Fotografin und ging nach Wiesbaden, wo ihr die Leitung eines amerikanischen Foto-Studios übertragen wurde. In Folge eines Unfalls auf der Flucht litt sie an einer Verletzung des Rückgrats, die jede weitere Arbeit im Foto-Studio unmöglich machte. So lebte sie zunächst bei ihren Eltern bei München Schließlich setzte sie ihre Tätigkeit als freiberufliche Fotografin mit dem Schwerpunkt Architekturfotografie fort.
(Geschichte des Geschlechts v. Stülpnagel, 2009, S. 269)
Nach der Übernahme der Geschäftsführung der Deutsch-Südost-Handelsgesellschaft im März 1964 gründete sie 1970 mit dem ebenfalls geflohenen Chirurgen Dr.med. Richard Sichert und Dr. Krammer die PGM Pharmazeutische Gesellschaft mbH & Co München, deren geschäftsführende Gesellschafterin sie wurde. Diese Firma spezialisierte sich auf Medikamente zur Behandlung der Erkrankungen des Lymphsystems. Durch ihren hohen persönlichen Einsatz und Dank der Qualität der Rezeptur gelang es, dass die Salbe Unguentum Lymphaticum lange Zeit auf dem deutschen Markt vertrieben wurde.
Sie nahm an vielen Kongressen im In- und Ausland teil; nebenbei arbeitete sie gelegentlich fotografisch weiter.
(aus: Geschichte des Geschlechts v. Stülpnagel, 2009, S.269)
Im Juni 2008 schied sie aus gesundheitlichen Gründen als Geschäftsführerin aus und verstarb kurze Zeit später am 7. November 2008.
Weder der frühe Tod ihres Mannes noch die Flucht mit der Folge eines lebenslangen Rückenleidens haben Sigrid entmutigt. Auch wenn Selbstmarketing nicht zu ihren Stärken gehörte, hat sie die Chancen, die das Leben ihr bot, aktiv genutzt und sich immer wieder neu positioniert – und ist so als „Seiteneinsteigerin“ und ohne Quotenregelung bis in die Geschäftsleitung vorgestoßen!