Ida v. Stülpnagel, geb. v. Holtzendorff [XII/129] (1840-1910)

Der Mann ist der Kopf, die Frau der Hals: sie dreht ihn in die richtige Richtung!

Vielen Menschen war er unheimlich: Friedrich v. Holstein (1837-1909). Den “Mann mit den Hyänenaugen” nannte Bismarck ihn einmal. Seine souveräne Aktenkenntnis, sein phänomenales Gedächtnis und seine Erfahrung in Personalfragen machten ihn zwar für Kaiser Wilhelm II. zum Vertrauten und für vier Kanzler (Bismarck, Caprivi, Hohenlohe-Schillingsfürst und Bülow) unentbehrlich, doch sonderlich gemocht wurde er nicht. 

Friedrich v. Holstein (1837–1909) war ein deutscher Diplomat. Da Holstein zwischen 1890 und 1906 einen gewichtigen Einfluss auf die deutsche Außenpolitik ausübte, ohne in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten, bezeichnete ihn der Journalist Maximilian Harden als die „Graue Eminenz“.

Die einzige Frau, die schon als Kind dem dreieinhalb Jahre älteren Vetter und Spielgefährten Zuneigung entgegenbrachte und für sein eigenwilliges Wesen früh Verständnis zeigte, war seine Kusine Ida v. Stülpnagel:  „Er war von klein auf höchst originell und eine Autorität für uns kleine Mädchen, wie später für viele Menschen, mit denen er in Berührung kam“. (Helmuth Rogge, 1932, S. XIV). Ida, jüngste Tochter des Rittergutsbesitzers Eduard v. Holtzendorff auf Carlstein und seiner Ehefrau Wilhelmine v. Holstein, war Friedrichs Jugendliebe und blieb lebenslang seine Vertraute. 1866 aber heiratete sie den Landwirt Alfred v. Stülpnagel (XII/129, 1834-1902), Friedrich v. Holstein blieb bis an sein Lebensende Junggeselle.

Ida – „Ize“ oder „Izechen“, wie Friedrich sie oft nannte – war die einzige Person, der er, der eher Misstrauische und Einsame, seine privaten Empfindungen ebenso mitteilte wie seine intimsten politischen Erlebnisse und Meinungen. Ihr vertraute er sogar geheime Staatspapiere zur Aufbewahrung an. Bis zu seinem Tod schrieb er ihr über 300 Briefe, die im Buch von Helmuth Rogge („Lebensbekenntnis in Briefen an eine Frau“, Berlin 1932) dokumentiert sind. Nicht selten enden Friedrichs Briefe mit der Bitte an Ida, seine mitgeteilten politischen Einschätzungen zu kommentieren, Eindrücke zu beigelegten Schriftstücken wiederzugeben oder politische Vorgänge zu bewerten. Holstein schätzte Idas klare, tüchtige, gütige und heitere Natur, er nannte sie „ein kluges Mädchen“, einen „hellen Kopf“ (Helmuth Rogge, 1932, S. XIV). In manchen Briefen nimmt Friedrich Bezug auf die Antworten seiner Cousine, ohne dass die Antwortbriefe seiner Cousine aber dokumentiert sind. In den im Bundesarchiv aufbewahrten Nachlässen von Friedrich v. Holstein (die Akte N 2123/3 enthält die Schriftwechsel mit verschiedenen Korrespondenzpartnern) und von Ida v. Stülpnagel (N 2302) haben sich keine Hinweise auf Idas Antwortbriefe an Friedrich finden lassen. So lassen sich Idas Antworten nur indirekt aus Friedrichs Aufzeichnungen „herauslesen“. Deutlich aber wird, dass Ida sich nicht scheute, seinen Überlegungen und politischen Einschätzungen auch zu widersprechen. Im Gegensatz zu Friedrich war Ida dabei klug genug, die Politik nicht als eine dominierende Erscheinung ihres Lebens zu würdigen, sondern der Gegenwart „nur“ mit politischem Interesse und Verständnis zu begegnen – und so Friedrichs politische Einschätzungen mit alternativen Perspektiven anzureichern! 

Friedrich v. Holstein starb am 8. Mai 1909. Nur wenige folgten seinem Sarg. Ida v. Stülpnagel selbst war es aufgrund eigener schwerer Krankheit nicht möglich, ihrem Vetter in der Todesstunde nahe zu sein. Sie starb nur ein knappes Jahr nach ihm, am 9. Februar 1910. Den Hauptnachlass (Mobiliar, Bücher, politische Schriftsachen und Aufzeichnungen) vererbte Friedrich Helene v. Lebbin, in deren politischem Salon in der Berliner Wilhelmstraße Friedrich v. Holstein sowie andere Politiker und Diplomaten des Auswärtigen Amtes häufig verkehrten. „Ida von Stülpnagel erhielt aus Holsteins Nachlass nur sein Eisernes Kreuz, seinen Siegelring und ein silbernes Tintenfass, das ihm die englische Regierung nach dem Berliner Kongress geschenkt hatte“ (Helmuth Rogge, S. 342). Im Gegensatz zu den politischen Schriftsachen aber, die Ida für Friedrich ein Leben lang aufbewahrt hatte, waren seine Briefe an sie persönlich von der letztwilligen Verfügung nicht umfasst und verblieben bei ihr. Leider sind weder die Nachlassobjekte noch die persönlichen Briefe auffindbar.