Emanzipatorische Mission oder kolonialer Feminismus?

Hedwig v. Stülpnagel, geboren am 23. Juni 1832 in Potsdam, engagierte sich schon früh in der „Morgenländischen Frauenmission“. Ihr diakonisches Engagement verfolgte zeitlebens die Absicht, den Frauen ihrer Zeit über den Weg der Mission zur Emanzipation zu verhelfen. Erziehungsarbeit als probate missionarische Strategie schien geeignet, die Frauen aus ihrer vermeintlichen Unterdrückung herauszuführen. In der Diktion der damaligen Sprache hieß das, „die heidnische Frauenwelt zu heben“ , und galt als Pflicht der christlichen Frauen. Gleichzeitig bot der Beruf der Missionarin ehelosen Frauen eine neue Perspektive zur Lebensgestaltung und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung im Ausland, die sich ihnen in Deutschland in dem Maße nicht eröffnet hätte.
Vor Ort aber blieben die Missionsmitarbeiterinnen meist eingebunden in die protestantisch-europäische „Kolonie“ – und erzielten so eher eine Emanzipation der Missionarinnen selbst als die beabsichtigte „Befreiung der unterdrückten Schwestern“ außerhalb Europas. Nationale Ausrichtung, missionarischer Auftrag und das mit beidem verbundene kulturelle Überlegenheitsbewusstsein schränkten die Chancen für einen echten wechselseitigen Kulturtransfer häufig ein. Diese ethnozentrierte Sichtweise wird heute zu Recht als kolonialer Feminismus hinterfragt.
Hedwig starb unverheiratet nach langem und schwerem Leiden in Berlin am 25.Januar 1911.

1842 gründeten 10 evangelische Frauen den „Frauen-Verein für christliche Bildung des weiblichen Geschlechts im Morgenland“, kurz „Morgenländische Frauenmission“ genannt, zur Hilfe für unterdrückte Frauen in Indien. Die Morgenländische Frauenmission war der erste Verein, der sich ab 1892 um eine selbständige Ausbildung für die Missionsaspirantinnen bemühte. 1896 etablierte die Morgenländische Frauenmission die älteste und lange Jahre einzige Ausbildungsstätte für Missionarinnen in Berlin. Auf dem hierarchischen Prinzip der patriarchalischen Familie und schwesterlicher Gemeinschaft basierend bot die Morgenländische Frauenmission ledigen Frauen eine Möglichkeit, ihre Berufung in Pflege und Erziehung zu finden – und half so mit, in der damaligen Zeit der Entstehung weiblicher Berufs- und Erwerbstätigkeit den Weg zu bahnen!
Im Rahmen ihrer Vorstandsarbeit verfasste Hedwig v. Stülpnagel 1904 eine Geschichte des Morgenländischen Frauen-Missionsvereins, hielt Vorträge zur Entwicklung und Bedeutung der Missionsarbeit in Deutschland und der Welt und nahm am deutschlandweiten „Ersten Frauen-Missionskursus“ in Berlin (8. – 10.Mai 1905) teil.
