Für Freiräume im Denken und in der Begegnung
Um 1800 war Berlin en vogue: in keiner deutschen Stadt wirkten mehr Künstler, Schriftsteller und Gelehrte, in keiner gab es mehr Lesegesellschaften und private Bibliotheken. Die Französische Revolution hatte die Ständegesellschaft in Europa zur Diskussion gestellt. So entstanden von 1780 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs knapp 100 Berliner Salons, in denen sich – meist auf Einladung einer Gastgeberin, Salonière oder Salondame genannt – Menschen jenseits aller Standesgrenzen zusammenfanden. Hier wurde Konversation betrieben, Neuigkeiten wurden ausgetauscht, Kunst und Kultur genossen. Auf neudeutsch also: Networking.
So bildeten die Salons Freiräume des Denkens jenseits offizieller Meinungen, aber auch Freiräume der Begegnung zwischen Menschen verschiedener Stände, Klassen und Glaubensrichtungen. Auch Charlotte v. Stülpnagel (1790-1863) gehörte zum Kreis von Frauen, die häusliche Zusammenkünfte in Berlin ermöglichten und leiteten:
Abendgesellschaft um 1826
„… von großer Schönheit und sehr gewandt, hatte sie hier lange Jahre eine Häuslichkeit, in der sich Angehörige der verschiedensten Kreise, namentlich aus Kunst und Wissenschaft, gern trafen“ (Geschichte des Geschlechts v. Stülpnagel, 1938, S. 115).
Charlotte v. Stülpnagel wurde am 10. März 1790 in Tangermünde geboren. Da ihre Eltern Alexander Ferdinand v. Stülpnagel (1766-1809) und Dorothea Elisabeth Schultze (1765-?) nicht miteinander verheiratet waren, beantragte der Vater für seine Tochter (und seinen Sohn Carl Bernhard) die Adelslegitimation, die er 1803 von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen erhielt.
Nach dem Tode des Vaters (1809) lebte sie zunächst viele Jahre in der Familie ihrer Tante Juliane von der Schulenburg in Priemern (Landkreis Stendal), ehe sie später nach Potsdam und dann nach Berlin zog. Sie starb unvermählt am 7. August 1863 in Berlin.
Leider existiert keine Abbildung von Charlotte.
Auch wenn in der Familienchronik keine Adresse überliefert ist, finden sich gleichwohl in den Berliner Adressbüchern unter ihrem Namen zwei Anschriften: 1825/26 Wilhelmstraße 79 und 1828 Leipziger Str. 108. Beide Straßen befinden sich im Zentrum Berlins und erhärten die Annahme, dass sich hier die in der Familienchronik erwähnte „Häuslichkeit“ befunden haben könnte. Ob dieser Begriff von Charlotte selbst oder den Besuchern gewählt wurde oder ob der Autor der Familienchronik von 1938, Werner v. Kieckebusch, bewusst eine eher „unverdächtige“ Formulierung wählte, weil der Begriff „Salon“ unpreußisch klang bzw. nicht in sein Frauenbild passte, kann in Ermangelung weiterer Quellen nicht abschließend festgestellt werden. In jedem Fall gilt als historisch gesichert, dass der Begriff Salon trotz des Ursprungs aus dem Französischen, teilweise auch gerade wegen des französischen Ursprungs von vielen Beteiligten selbst gemieden wurde. Sie ersetzten ihn durch „Dachstube“, „Kränzchen“, Zirkel“, Teetisch“, „Haus“ oder „Häuslichkeit“, „Freitag“ oder durch sonstige Wochentage. Dies geschah zum einen wegen der aufgebauten Vorbehalte gegenüber Napoleons Frankreich, andererseits aber auch als Ausdruck der Vielfalt und der Besonderheit jeder einzelnen Gesellschaft. So müssen – bei aller Plausibilität – die Gründe für die Verwendung des Begriffs „Häuslichkeit“ in der Familienchronik leider offenbleiben.