Armutsrisiko Geschlecht – Stiftung statt Bittgesuch!
Armut betraf überwiegend Frauen! Ledigen- bzw. Witwenstatus und Bedürftigkeit bildeten dabei eine Art Teufelskreis, der auch für Adelsfrauen schwer zu durchbrechen war.
Einen kleinen Ausweg bot das in Preußen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein geltende herrschaftliche Gnadenrecht. Jeder (!) Untertan durfte sogenannte Bittgesuche an den preußischen König und die Staatsverwaltung einsenden. Allerdings wurde der überwiegende Teil der Bittgesuche meist abschlägig beschieden!
Ein Beispiel aus der Familiengeschichte:
„Besonders Liebe. Auf Eure Vorstellung vom 28. v.M. worin Ihr mich um eine Praebende für Eure Tochter Frederique Eleonore Louise Auguste gebeten habt, ertheile ich euch zum Bescheide: daß ich diese Bitte nicht gewähren kann, da die Anzahl der bereits vorhandenen Expectantinnen in Verhältniß der möglichen Vacanzen schon so groß ist, daß die später notirten keine Hoffnung haben jemals zur wirklichen Hebung zu gelangen. Ich bin Euer gnädiger König.
Potsdam, den 4 May 1806 Friedrich Wilhelm
An die Verwittwete v. Stülpnagel, gebohrene von Eickstedt zu Prentzlow mitgeteilt in: Geschichte des Geschlechts v. Stülpnagel, 1938, S. 114
Eleonore v. Stülpnagel (XI/94) wurde am 29. April 1792 als fünftes Kind von Otto Wilhelm v. Stülpnagel (X/63, 1758-1794) und seiner Frau Auguste v. Eickstedt (1763-1809) in Liebenow geboren. Auf Grund des frühen Todes ihres Mannes (er starb mit nur 36 Jahren!) sah sich seine Frau gezwungen, für ihre sechs minderjährigen Kinder für ein zuträgliches Auskommen zu sorgen. So erbat sie u.a. für ihre Tochter Eleonore im Frühjahr 1806 beim König eine Stifts-Freistelle und die damit verbundenen Einkünfte. In seinem Antwortschreiben lehnte der König ihr Bittgesuch ab. Eleonore starb am 13. Dezember 1825 in Torgelow.
Eine alternative Idee, um das Armutsrisiko zu verringern, entwickelte Augusta v. Stülpnagel. Als sechstes Kind von Karl Gottlob v. Stülpnagel (X/61, 1753-1802) und seiner zweiten Frau Auguste, geb. v. Dargitz (1787-1816), erblickte sie am 30. April 1789 in Grünberg das Licht der Welt. Sie lebte mit ihrem schwer behinderten, um vier Jahre jüngeren Bruder Theodor (XI/87, 1793-1859) gemeinsam in Prenzlau. Ihr Vater hatte insgesamt 10 Kinder mit drei Frauen. Die Unübersichtlichkeit der Familienverhältnisse, die komplizierten Erbauseinandersetzungen beim Tode des Vaters und die Erlebnisse von Nichten (und Neffen) mit abgelehnten Bittgesuchen mögen ihren Entschluss befördert haben, mit einem testamentarisch festgelegten „Betrag von 2000 Talern für bedürftige Töchter und Witwen der von Stülpnagelschen Familie“ den Grundstock für die „Augusta-Familien-Stiftung“ zu legen. Diese „Idee von Frauen für Frauen“ hat in den folgenden Jahrzehnten vielen Frauen der Familie v. Stülpnagel ihren Lebensabend gesichert.
Augusta starb am 26. Oktober 1845 in Prenzlau.
Von ihr existiert leider keine Abbildung.